| |
Vogelsberger Sagenwelt
Wenn der Wind pfeift, sich dreht und wendet und ständig aus einer anderen Richtung weht, wenn Raben krächzen und Käuzchen rufen, wenn Vollmond ist und die Sterne klar blinken, wenn der Winter mit dem Frühling streitet, dann sollte man einige Stellen im Vogelsberg meiden. Es raschelt und raunt dann in den Büschen, es zieht aus allen Ecken, kalte Schauer laufen über den Rücken, man bekommt eine Gänsehaut. Will man jetzt wegrennen, sind Beine und Füße schwer wie Vogelsberger Basalt. Man steht starr vor Angst und wartet zitternd, was da noch so alles kommen möge.

Bild: Felsgruppe am Rehberg nördlich Sichenhausen.
Die Ängste der Menschen haben schon immer dunkle Mächte mit den einsamen Wäldern des Vogelsbergs, ihren hohen Bäumen und bizarren Felsen verknüpft. Kamen dann noch unerklärliche Ereignisse hinzu, sah man in ihnen die Bestätigung für das Wirken übersinnlicher Kräfte.
Viele Erzählungen und Berichte, die wir heute als Sagen kennen, dürften aus dem Nebeneinander von Umwelt und Übersinnlichem, Wirklichkeit und Zauberglauben, Gefühlen und Ängsten in einer Zeit, welche noch keine schriftliche Fixierung kannte, entstanden sein. Hinzu kam im Mittelalter die Prägung der Menschen durch die christliche Religion einerseits, andererseits aber auch durch Ängste, Hoffnungen und Befürchtungen: durch Aberglauben. So ist es nicht verwunderlich, dass sich in vielen Sagen der ewige Kampf der Menschheit zwischen Gott und dem Teufel, dem Guten und dem Bösen widerspiegelt; denn wie die Kirche lehrte, konnten man entweder Erlösung im Jenseits erlangen, also in den Himmel aufgenommen werden, oder für immer im Höllenfeuer verflucht zu sein.
Auch die Vogelsbergsagen können in diesem Zusammenhang als eine Methode der Menschen der damaligen Zeit angesehen werden, das Unfassbare zu begreifen und es in den Alltag aufzunehmen. Mit der mündlichen Weitergabe von einer Generation zur anderen wurden sie zu phantasievoll ausgeschmückten Erzählungen, deren Kern aber immer noch ein Bezug zu wahren Begebenheiten darstellte.
Einige dieser Sagen werden uns auf der Wanderung entlang der Bonifatiusroute im Vogelsberg begleiten. Sie lernen durch sie nicht unbedingt historische Fakten kennen, erfahren aber viel über das Wesen - die Mentalität - der Menschen, welche seit Generationen hier oben in diesem Gebirge leben.
|
|